The Dirt

2011, vier Jahre vor ihrer endgültigen Auflösung, hatten sich Tommy Lee, Vince Neil, Mick Mars und Nikki Sixx mit ihrer vom Profi-Autor Neil Strauss betreuten, gemeinschaftlichen Band-Autobiografie „The Dirt – Sie wollten Sex, Drugs und Rock’n’Roll“ selbst ein Denkmal gesetzt. Ein besonders schrilles. Subtile Zwischentöne waren für Mötley Crüe, die vielleicht schrillste Heavy-Metal-Band der Glam-Rock-Ära, nicht akzeptabel. Und so setzten sie sich auch im Buch genau als die durchgeknallten, versoffenen, verantwortungslosen und fast permanent unzurechnungsfähigen Rock-Monster in Szene, die sie in Wirklichkeit gerne waren.

Mit geradezu unerträglich langer Verspätung folgt nun endlich die Verfilmung – in der neuen Netflix-Doku „The Dirt“. Die kommt ab Freitag, 22. März in einer fast zweistündigen Fassung auch in Deutschland heraus. Was zunächst aufhorchen lässt: Beim Streaming-Dienst erhält der Film die Altersempfehlung „ab 18 Jahren“. Er macht natürlich vor den szeneüblichen Exzessen nicht Halt. Drogen-Missbrauch, wüste Alkohol-, aber auch Sex-Orgien, breitbeiniger Metal-Machismo und ein nicht erst in „Me too“-Zeiten oft unerträglich wirkendes Frauenbild gehören da natürlich dazu. Auch die finsteren Seiten der Band-Geschichte werden nicht ausgeblendet. So erlebt man etwa den von Sänger Vince Neil im Vollrausch verursachten Autounfall, bei dem der Beifahrer, „Rizzie“ Dingle, Drummer der Band Hanoi Rocks, ums Leben kam, noch einmal mit. Quelle

Ich mag die Alben *Girls, girls, girls* und *Dr. Feelgood* immer noch, eigentlich noch mehr als früher, stelle ich mir doch immer vor, wie die hypermoralischen Jetztzeit-Jakobiner Schnappatmung bekommen, wenn sie die Vidoes zu den Liedern sehen.

Es wird absolut nichts beschönigt, Sixx nennt die Band auch am Anfang einen *Haufen Idioten*. Was sich bewahrheiten sollte, Drogen- / und Sexexesse aller Art werden hinreichend geschildert und auch, wie die Drogen die Band fast zerissen hätten. Wobei ich mich frage, wie Leute, die so fertig sind, dann körperliche Leistungen wie in dem Video Wild Side erbringen können, welches ein Konzertmitschnitt ist. Eigentlich hätten sie nur noch über die Bühne stolpern müssen. Verharmlosend wird allerdings Neils Autounfall mit zwei Schwerverletzten und einem Todesopfer dargestellt – es war kein Allerweltunfall, sondern es waren deutlich überhöhte Geschwindigkeit und eine Menge Alkohol im Spiel. Deswegen wirkte auch das Gerichtsurteil mit 30 Tagen Haft wie ein Hohn auf die Öffentlichkeit.

Moviepilot bemängelt die Frauenfeindlichkeit in den Film, ohne zu verstehen, dass dies u.a. an Bands wie Gun`n`Roses oder eben auch Mötley Crüe neben der Musik der eigentliche Witz gewesen ist – Hedonismus, Spaß und Exzess. *Bei diesem Frauenbild hätten sie es aber auch sein lassen können. Und nein, da genügt kein „so war das eben damals“.* – Doch genau das. Und wer das nicht begreift, der begreift weder die Musik, noch das Lebensgefühl, welches sie vermittelt. Und damit sollte der Betreffende keine Bewertungen darüber schreiben. Wer die Abwesenheit von starken Frauenfiguren bei Mötley Crüe bemängelt, hat absolut gar nichts verstanden.

Schwierigkeiten hatte ich mit den Schauspielern, vor allem Nikki Sixx und Tommy Lee waren für mich optischen sehr schwer auseinanderzuhalten. Bei den Originalen haben ich nie Schwierigkeiten gehabt, aber die Schauspieler sahen sich einfach zu ähnlich. Sie sahen noch nicht einmal den Originalen sonderlich ähnlich. Auch wirken die Leistungen ziemlich laienhaft, gerade in tragischen Situationen, dem Autounfall, dem Tod der Tochter oder dem Besuch am Grab des Vaters kommt keinerlei Dramatik auf.

Fazit

Schonungslos, abgefuckt und unterhaltsam. Alle Achtung vor Mötley Crüe, sich selbst so schonungslos zu kritisieren und teilweise zu demontieren.

The Truth About Netflix’s The Dirt
Nikki Sixx – Tagebuch eines Heroinsüchtigen: 365 höllische Tage im Leben eines Rockstars

Vince Neil (Daniel Webber)
Tommy Lee (Machine Gun Kelly)
Mick Mars (Iwan Rheon)
Nikki Sixx (Douglas Booth)
Mike Wagner (David Costabile)

Colson Baker, Douglas Booth, Daniel Webber, and Iwan Rheon in The Dirt (2019) Copyright Netflix

 

8 Gedanken zu “The Dirt

  1. Hm, das ist schon einigermassen naiv anzunehmen, dass man in einem Film, der eine Rockband porträtiert, Frauen gut wegkommen. Gleichstellungsbeauftragte gab es damals noch nicht oder gehörten zumindest nicht obligatorisch zur Tourcew. Wie sollte man hier ein angemessenes Frauenbild darstellen? Schwachsinn.
    Damals wurde Sex, Drugs und Rock‘n Roll in wahrsten Wortsinn gelebt. Alles andere wäre doch ganz furchtbare Weichspülerei. Keep on Rockin‘ Guys 😊

    • Das sind so Neo-Jakobiner, die nahe eines Herzinfaktes sind, wenn in einem Film nicht gleichberechtigt mindestens ein LTBG und eine starke Frau zu sehen sind ^^. Bei denen löst alles, was härter als Grönemeyer ist, einen Kreislaufkollaps aus.

      Man hätte der wildesten Rockband der Welt wirklich empfehlen können, so 30 Jahre in die Zukunft zu sehen, und die Schwulenbars nach einem Sänger zu durchforsten. Dann wären die Herren und Damen Kritiker zufrieden.

      Die Frauen waren damals (und heute?) in der Rockszene eben nichts anderes als Fickmaterial. Es gehören letztendlich auch immer zwei dazu, insofern kann man den Jungs keinen Vorwurf machen.

      Wie heißt so schön in Bad Boy Boogie? – Better lock up your daughter, when the Mötleys hit the road.

      • Der Ausdruck „Neo Jakobiner“ gefällt mir ausgesprochen gut.
        Dass es immer zwei braucht, damit ein Paar draus wird, wollte ich gar nicht erst ansprechen. Als Mann hätte ich mir da wohl einen üblen Shitstorm eingehandelt. So weit sind wir schon….. Schön, dass du es ausgesprochen hast 😊👍

      • Überhaupt Alice Cooper: Kennst du sein Trash-Album und die dazu gehörigen Videos? Soweit sind selbst Mötley Crüe nicht nicht gegangen. Ich mag die Musik eigentlich, aber das ist wirklich frauenfeidlicher Mist, so im Rückblick betrachtet. Da werden Frauen wirklich als Müll bezeichnet (When you turn to trash) und als Fickmaterial (No one else could make you feel like I do, I do, I do
        No one ever gets as deep inside you, as I do baby
        Our love is a bed of nails
        Love hurts good on a bed of nails
        I’ll lay you down and when all else fails
        I’ll drive you like a hammer on a bed of nails. ), untreu, gefährlich bezeichnet.

        Dagegen sind die Mötleys zumindest musikalisch Waisenknaben gewesen. Selbst die Stripperinnen im Girls, Girls, Girls – Video oder die Tänzerinnen werden nie so als Sexobjekte ausgestellt wie be Alice Cooper. Ändert nichts daran, dass ich die Songs trotzdem mag.

      • Also ich bin wirklich Fan gewesen, und ich mag Girls, Girls, Girls immer sehr, wahrscheinlich wird es immer mein Lieblingssalbum bleiben, aber mit einem Jungs zu schlafen, aber auf die Idee wäre ich nie gekommen. Vermutlich hätte ich auch nicht ihren optischen Erwartungen entsprochen *kicher*.

        Ich nenne diese Leute *Neo-Jakobiner*, weil sie kein Problem damit haben, eine Terrorherrschaft der Moral zu errichten. Wenn Andersdenken schon nicht den Kopf abschlagen kann (Zu schade aber auch!), dann muss man ihnen halt andersweitig schaden. Das sind die schlimmsten, welche ich in der Richtung kenne: https://nomasliteraturblog.wordpress.com/2019/03/01/wie-der-literaturkritiker-stefan-mesch-zumindest-eine-literaturbloggerin-diffamiert-und-verleumdet/
        Da sind so Leute, wenn du ihnen das Girls, Girls, Girls – Video oder diverse von Alice Cooper zeigst, dann bestelle schon mal vorsorglich den Notarzt. Schrecklich, solche Leute. Gegen die waren die Puritaner die reinsten Punks.

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