Alphabet – Angst oder Liebe?

Unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem wird durch krisenhafte Entwicklungen zunehmend in Frage gestellt, und eine Antwort ist nicht in Sicht. Die politischen und wirtschaftlich Mächtigen wurden zum Großteil an den besten Schulen und Universitäten ausgebildet. Ihre Ratlosigkeit ist deutlich zu spüren, und an die Stelle einer langfristigen Perspektive ist kurzatmiger Aktionismus getreten. Mit erschreckender Deutlichkeit wird nun sichtbar, dass uns die Grenzen unseres Denkens von Kindheit an zu eng gesteckt wurden. Egal welche Schule wir besucht haben, bewegen wir uns in Denkmustern, die aus der Frühzeit der Industrialisierung stammen. Die Lehrinhalte haben sich seither stark verändert und die Schule ist auch kein Ort des autoritären Drills mehr. Doch die Fixierung auf normierte Standards beherrscht den Unterricht mehr denn je. Denn neuerdings weht an den Schulen ein rauer Wind. „Leistung“ als Fetisch der Wettbewerbsgesellschaft ist weltweit zum unerbittlichen Maß aller Dinge geworden. Doch die einseitige Ausrichtung auf technokratische Lernziele und auf die fehlerfreie Wiedergabe isolierter Wissensinhalte läßt genau jene spielerische Kreativität verkümmern, die uns helfen könnte, ohne Angst vor dem Scheitern nach neuen Lösungen zu suchen. Erwin Wagenhofer dokumentiert verschiedene Ansätze, sich dem Thema Bildung, Bildungsinhalte, Wissensvermittlung etc. zu nähern und sich kritisch damit auseinanderzusetzen.

Der Film zeigt sehr gut, wie Kinder weltweit im Schulsystem kaputt gemacht und zu reinen Befehlsempfängern abgerichtet werden. Ein System, welches nur der Wirtschaft, aber nicht der einzelnen Person entgegenkommt.

Das Problem liegt meiner Meinung schon darin, dass es überhaupt ein System gibt, denn wer wird denn Lehrer?

1.) Jemand, der gerne Macht ausübt, sich aber an Erwachsene nicht ran traut.
2.) Jemand, der mit seinen Studienfächern nichts anzufangen weiß.
3.) Jemand, der auf lange Urlaubszeiten spekuliert.
4.) Die Schnittmenge aus 1-3.

Lehrer sind für mich der größte Abschaum, den die Gesellschaft hervorbringt.

Ich bin mir in der Schule immer vorgekommen, wie unschuldig zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Vermischt mit Befehlsempfängerei, dass ich Dinge lernen sollte, die mich nie interessiert haben und die ich dementsprechend nie wirklich gelernt habe, maximal bis zur nächsten Prüfung. Für diese komplett sinnlose Veranstaltung musste ich das einzige aufgeben, was mir im Leben (damals) Spaß gemacht hat, nämlich das Reiten. ich bin immer jemand gewesen, der viel Bewegung braucht und in der Schule musste ich stundenlang still sitzen. Wie sinnlos der Unterricht ist, zeigt sich daran, dass Boris Becker im Sportunterricht wohl immer eine Fünf bekam; spätestens daran muss wirklich der letzte merken, wie hirnverbrannt das Schulsystem und der Unterricht ist.


“Wir haben diese außergewöhnliche Kraft, damit meine ich die Kraft der Vorstellung. Jede Ausformung menschlicher Kultur ist die Folge dieser einzigartigen Fähigkeit. Doch ich glaube, dass wir sie systematisch in unseren Kindern zerstören. Denn wir akzeptieren blind gewisse Vorstellungen über Erziehung, über Kinder, darüber, was Ausbildung bedeutet, über gesellschaftlichen Bedarf und Nutzen, über wirtschaftliche Zweckmäßigkeit.”

Sir Ken Robinson

Auch, dass für nichts anderes als für Schule mehr Zeit ist, wird in dem Film angesprochen. Es wird auch ganz richtig ausgedrückt, was ich damals auch empfunden habe: Dass die Eltern beneidet werden, weil diese nach 20 Uhr TV sehen können, während man selbst über den Hausaufgaben sitzt. Ich werde nie einen Tag vergessen, an dem wir für Englisch drei engbedruckte Seiten, Schriftgröße 12, mit if-Sätzen bekamen. Und das war nur ein Unterrichtsfach, jeder Lehrer meinte ganz offensichtlich, dass es nur sein Fach gäbe, für welches man Aufgaben zu erledigen hätte.

Ich kann nur für mich sprechen, aber sowohl nach der Schule als auch nach meinem Studentenjob vorgekommen, als wenn ich den Untergang der Titanic überlebt hätte. Es war immer so, dass ich mich danach jahrelang wie tot gefühlt habe.

Der Film ist aber nicht nur deprimierend, sondern zeigt auch, wie glückliche Homeschooling – Kinder aufwachsen, die sich ihren Neigungen entsprechend entwickeln und auch lernen können.

“People do their best when they do the thing they love, when they are in their element”.

Sir Ken Robinson

Es spricht Bände über das deutsche Demokratieverständnis, wenn Deutschland als einziges westliches Land eine Beschulungspflicht hat. Individuelle Entwicklung wird nicht geduldet.
Erschütternd ist auch ein gezeigter Test, in welchem (an immer denselben Jugendlichen) aufgezeigt wird, wie Kinder nicht linear denken (98% bei den unter Fünfjährigen) und wie dieser Wert auf noch nicht einmal 10% bei 15jährigen fällt. Weil sie in der Schule nur noch beigebracht bekommen, in Strukturen zu denken.

Dabei wird es im Film ganz richtig gesagt, man kann die Dinge dann lernen, wenn sie einen interessieren und wenn man sie braucht. In meinem Kopf fliegt seit kurzem der Gedanke hin und her, meine doch extrem rudimentären Mathekenntnisse aufzuarbeiten und wenn ich mir einen Ruck gebe, dann weiß ich, dass ich das auch kann. Aber muss mich doch nicht mit Physik oder Chemie belasten, was ich nie brauchen werden, so interessant gerade Physik auch ist.

Fazit

Ein Film, der aufzeigt, wie Kinder weltweit regelgerecht zerstört werden, der Weg in die Hölle ist bekanntlich gepflastert mit guten Absichten, aber auch Alternativen aufzeigt.

Zum Thema: Im Buch Warren Berger – Die Kunst des klugen Fragens werden ebenfalls einige der im Film erwähnten Phänomene angesprochen.

 

Die Diskussion hat hier angefangen, um dies nicht auseinanderlaufen zu lassen, mache ich hier zu.

Anbei noch Kritiken aus der Zeit:

Dokumentarfilm „Alphabet“Alles nur geföhnte Bubies und Barbies
Der Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer prangert unser fehlgeleitetes Bildungssystem an. Damit ergänzt „Alphabet“ die Reihe globalisierungskritischer Filme aus Österreich.

Der Kapitalismus frisst seine Kinder
Tendenzkino: Die Bildungskritik im Dokumentarfilm „Alphabet“

„Es ging immer nur um Wirtschaftswachstum“
In „Alphabet“ rechnet der österreichische Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer weltweit mit Bildungssystemen ab. Er selbst ging aber gern zur Schule, sagt er

Regisseur(e): Erwin Wagenhofer
Format: Dolby, PAL
Untertitel: Deutsch
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ohne Altersbeschränkung
Studio: Pandora Filmverleih (Alive AG)
Erscheinungstermin: 16. Mai 2014
Produktionsjahr: 2013
Spieldauer: 109 Minuten

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